23.
Feb
2019

11
min

Das Leben und der Tod zweier »Missgestalten«

von Jelena Kutscherenko (auf Grundlage realer Begebenheiten, die Namen wurden geändert)

Ich mag Friedhöfe. Ich glaube, davon habe ich bereits geschrieben. Dort findet man immer etwas, worüber man nachdenken kann. Man geht still vor sich hin, betrachtet die Gräber und begreift, dass hinter diesen immer wieder gleichen Steinen und Kreuzen ganze Schicksale stehen. Ganz verschiedene, unverwechselbare… Freuden, Nöte, Hoffnungen, Enttäuschungen, Liebe und Hass… Wer waren diese Menschen? Wie haben sie gelebt? Wie starben sie? Gut, oder schlecht? Wovon träumten sie?.. Gott allein weiß es.

Aber am meisten mag ich die Friedhöfe auf den Dörfern. Und diese besonders im Frühjahr. In unmittelbarer Nähe des Todes wird neues Leben geboren. Die Natur erwacht und singt, die Sonne wärmt, die Vögel zwitschern. Und genau in solchen Augenblicken merkt man, dass es diesen Tod eigentlich gar nicht gibt. Es öffnet sich einfach eine Tür, und der Mensch tritt hindurch. Wohin? Und was wird nun aus ihm? Gott allein weiß es.


In diesem Jahr jedenfalls zog es mich auf unserem Dorf wieder dort hin.

An einem kleinen Grab hockte eine Alte. Wer von den ihren war wohl dort – ihr Mann, ihr Sohn? Sie saß eine Weile da, bekreuzigte sich und ging fort. An einem anderen Grab waren ein junger Mann und eine junge Frau emsig bei der Arbeit. Sie rupfte Gras, er strich die Umzäunung des Grabmals. Dabei unterhielten sie sich lebhaft und auf so ganz und gar nicht einem Friedhof entsprechende Art miteinander. Als ich mich bereits auf den Rückweg machte, waren auch sie am Aufbrechen. Die Frau putzte noch einmal die Fotografie am Grabstein. Ihr Begleiter aber stellte genauso sorgsam aus irgendeinem Grund ein Glas Wodka daneben.

An diesem Tag fiel mir zufälligerweise ein Grab auf. Nicht, weil es verworfen und ungepflegt war – solche gibt es dort viele. Sondern weil das schief gewordene, rostige Kreuz, das man in die Erde gesteckt hatte, ganz offensichtlich von der Marke »Eigenbau« und aus irgendwelchen Rohren zusammengeschweißt war. Und das war es auch schon – keine Einfassung, keinerlei Blumen. Nur ein überwucherter, längst vergessener Grabhügel. Selbst vor dem Hintergrund der anderen vergessenen Gräber machte dieses einen besonders verwaisten Eindruck. Als ob es nie jemand wirklich gewollt hatte…

Den ganzen Abend über hatte ich diesen traurigen Grabhügel vor meinem inneren Auge. Als ich die Nachbarin erblickte, die schon ganz alte Tante Mascha, fragte ich sie danach.

„Das, weitab vom Schuss, mit den Rohren? Das ist doch Serjoschka, die Missgestalt“, antwortete sie. „Der Unglücksrabe…“

Sie seufzte und sann nach, schien sich dabei an etwas zu erinnern…


Serjoschka war tatsächlich ein Unglücksrabe gewesen. Seit seiner Geburt. Seine Großmutter, die von allen im Dorf einfach nur Petrowna gerufen wurde und das einzige menschliche Wesen auf der Welt war, das ihm wenigstens ansatzweise freundlich begegnete, seufzte immer, wenn sie ihren Enkel sah, und mümmelte mit ihrem zahnlosen Mund: „Ach, du Unglücklicher, besser wäre es, du würdest sterben“.

Vielleicht wäre das auch besser gewesen. Aber Serjoschka lebte.

Er überlebte, als seiner Mutter, Marinka, einer örtlichen Alkoholikerin, im Suff plötzlich bewusst wurde, dass sie schwanger war, und sie daraufhin irgendeinen Abtreibungssud trank, den sie von einem hiesigen Kräuterweib bekam und von dem sie selbst fast gestorben wäre.

Er überlebte, als sein durch den permanenten Suff halb irrer Vater Stepan eine Axt nach seinem vor Hunger schon winselnden Sohn warf und ihm dadurch das halbe Gesicht abriss. So wurde Serjoschka mit vier Jahren zur Missgestalt. Marinka fing an zu schreien, obwohl sie für den Sohn eigentlich keinerlei besondere Gefühle hegte. Stepan wurde nüchtern, meldete sich selbst bei der örtlichen Miliz, wurde eingebuchtet, und im Gefängnis starb er auch.

Aber lange trauerte Marinka ihrem Mann nicht hinterher, nämlich nur, bis ein anderer Alki, Genka, mit einer Flasche und den Worten: „Hündchen, komm spazieren“ zu ihr kam; im Vorbeigehen verabreichte er dem noch vollkommen verbundenen Serjoschka eine Tracht Prügel. Darauf lachte Marinka einfach nur stupide los und glotzte gierig auf den Wodka…

Serjoschka überlebte, als es im Hause wochenlang nichts zu fressen gab, und er Nahrungsmittel von den Beeten der Nachbarn stehlen musste.

Manchmal, freilich, gab ihm die alte Petrowna – die auch soff, aber mit Unterbrechungen – etwas zu essen. Aber das kam nicht sehr häufig vor und hielt nur bis zu ihrem nächsten Suff an. Doch dann starb sie, und es gab niemanden mehr, der dem Jungen etwas zu essen gab.

Er überlebte, als selbst abgerissene Strolche wie er sich vor ihm, dem dreckigen und zerrissenen, ekelten; auch sie waren Kinder trinkender Eltern, denn solcher waren es in dem Dorf mehr als die Hälfte.

Aber er wurde wild und böse.

Er überlebte, als er die Reste des Fusels austrank, den seine direkt auf dem Fußboden schlafenden Mutter und Genka übriggelassen hatten, wonach er tagelang kotzte und sich schwor, dass bei ihm alles anders sein würde.

Er überlebte mit zwölf Jahren, als ein Pulk bekiffter Jungs von irgendeiner dahergekommenen Meute ihn die halbe Nacht lang im Wald vergewaltigten und ihn dann, kaum, dass er noch atmete, zum Sterben liegen ließen. Aber am Morgen fanden ihn Pilzsucher. Es wurde ein Verfahren eröffnet, die Perversen wurden gefasst, aber Serjoschka mied man nun noch mehr, wie einen Aussätzigen, und er selbst wurde noch menschenscheuer.

Er überlebte selbst dann, als er sich wegen der rothaarigen Olka erhängte. Er liebte sie, alle wussten das. Aber er konnte sich nicht dazu entschließen, an sie heranzutreten oder sie anzusprechen. Weil er ja eine Missgestalt war. Er blitzte sie nur mit zornigen Augen an, als würde er sie wegen der Qualen, die er litt, gleichzeitig lieben und hassen, und beschleunigte seinen Schritt, um nur schnell an ihr vorüber zu kommen. Und dann heiratete Olka den örtlichen Prachtkerl Iwan. Einige Tage lang soff, sang und feierte das ganze Dorf. Serjoschka aber saß bei seinem Haus auf einer Bank und lauschte. Dann aber ging er in die Scheune und erhängte sich. Doch der Strick riss, Serjoschka wurde davon nur leicht gewürgt. Es war, als ob selbst der Tod sich vor ihm ekelte.


Als er noch ein Junge war, tauchte er nicht sehr oft in der örtlichen Schule auf. Und wenn, dann nur, weil man ihm drohte: „Wenn du nicht lernst, krepierst du im Knast, wie dein Vater“. Sein wie sein Vater wollte er am allerwenigsten. Und dann kamen die Neunziger, die Leute siedelten in die Städte um, jene aber, welche blieben, verfielen entweder dem Suff, oder den Drogen, oder sie starben. Mit ganz wenigen Ausnahmen – und das waren auch nur die Alten. Es gab niemanden mehr, der in der Schule hätte lernen können, und so steht sie bis heute da, verfallen und niemandem nütze. Serjoschka hatte zu dieser Zeit mit Ach und Krach acht Klassen abgeschlossen, für einige davon hatte er zwei Jahre gebraucht.

Was tat er jetzt? Er trank, wie alle anderen auch. Aber allein. Obwohl er sich einmal geschworen hatte, dass er das nicht tun würde. Ach, und wurde als Wächter an einer gerade noch so funktionierenden Firma des Landkreises eingestellt. Man nahm ihn mit einer gewissen böswilligen Bereitschaft dort auf, und mit einem Tuscheln hinter seinem Rücken: „Was für eine Missgestalt. Vor so einer Fresse wird jeder Dieb Reißaus nehmen…“

So vergingen einige Jahre... Seine Mutter Marinka starb, sie erfror eines Winters im Suff in einem Schneehaufen. Genka verschwand. Serjoschka spürte nicht, dass er allein geblieben war. Er war immer allein gewesen. So hätte er sich wahrscheinlich auch weiterhin bis zu seinem eigenen Grabhügel durchs Leben geschleppt.

Aber einmal im Spätherbst betrank er sich wieder, wie immer allein, fiel irgendwo auf dem Heimweg um und schlief, wie einst seine Mutter, in einem Haufen Schnee liegend ein. Und ganz genau so wäre er dort erfroren. Aber er erwachte, weil ihm jemand sein verunstaltetes Gesicht leckte. Er öffnete seine trüben Augen und sah eine – ganz wie die seine – hässliche, einäugige und einohrige Hundeschnauze. Der Hund packte ihn am Kragen und begann, an ihm zu zerren, ganz nach dem Motto: „Steh auf, Dummkopf, du erfrierst doch sonst“.

Und Serjoschka stand auf. Wankend gelangte er bis zu seinem Haus, öffnete die Tür und ließ den Hund hinein, der hinter ihm hergetrottet war.


Was das für ein verkrüppelter Hund war und woher er plötzlich auftauchte, wusste Serjoga nicht.

„Du brauchst bestimmt was zu fressen“, murmelte er. „Es ist aber nichts da. Na gut, bleib eine Weile liegen.“

Der Junge warf eine alte Decke auf den kalten Fußboden, zog sich an und verließ das Haus.

„Für dich wie immer?“, fragte ihn Njurka, die Schwarzbrennerin, bei der er üblicherweise sein Gesöff bekam. Ohne eine Antwort von ihm abzuwarten, streckte sie ihm eine Flasche mit trübem Inhalt entgegen.

„Nein, ich brauche dingens... irgendwelche Knochen. Oder einfach…“

„Wie bitte?“

„Ich werde bezahlen.“

„Und der hat sich nun auch um den Verstand gesoffen“, flüsterte Njurka Serjoga wissend hinterher, als dieser mit den Suppenresten von dannen ging, welche sie ihm verkauft hatte.

Der missgestalte Hund fraß und leckte danach dem Jungen dankbar die Hand. Dieser hatte das so wenig erwartet, dass er sich vor Schreck fast verschluckte und auf die Stelle seiner Hand starrte, die von der rauen Zunge berührt worden war. Bis zu diesem Augenblick war das freundlichste, das er in seinem Leben je gesehen und gehört hatte, die Worte der alten Petrowna: „Ach, du Unglücklicher, besser wäre es, du würdest sterben“. Und dann legte er diese seine Hand langsam, furchtsam und ungeschickt auf den von jemandem einmal verunstalteten Hundekopf.

So fanden die beiden einsamen, missgestalteten und von allen gemiedenen Wesen zueinander. Und so wurde ihnen beiden etwas wärmer.

Es war das erste Mal in seinem Leben, dass jemand zu Hause auf Serjoga wartete. Und es war das erste Mal, dass er dahin, in dieses Haus, eilte, wobei er unterwegs, ganz wie zuvor, bei der alten Njurka irgendwelche Essensreste erstand. Und wie glücklich er war, als er, kaum, dass er die Tür einen Spalt weit geöffnet hatte, ihn sein einziger Freund auf dieser Welt mit freudigem Gebell entgegenstürzte. Nein, er holte sich auch weiterhin sein Gesöff, so war es nicht – aber nicht mehr so oft. Und später ging er sogar daran, Essen zuzubereiten. Er aß selbst und gab seinem Einohr etwas ab – denn so nannte er den Hund. Und beiden ging es zusammen gut.

Man machte sich über die beiden lustig: „Schau mal, zwei Missgestalten, die haben einander gefunden“. Aber man bemerkte nun auch, dass Serjogas Augen nicht nur wild und zornig, sondern auch sanft und gütig blicken konnten. Wahrscheinlich dachte er in diesen Augenblicken daran, dass jetzt jemand auch ihn erwartet und jemand seiner bedurfte.

Mit der Zeit baute er Einohr im Hof eine Hütte, band ihn an eine lange Kette, und dieser bewachte geflissentlich das Haus, bellte alle an, die vorübergingen. Obschon es überhaupt nichts zu bewachen gab. Zu holen gab es bei Serjoga nichts, das wussten alle.


Und dann verschwand Einohr. Wahrscheinlich hatte er sich von der Kette losgerissen und war fortgelaufen. Viele sahen damals, wie Serjoga lange Zeit am Zaun stand und in die Ferne blickte.

Einige Tage später brachten die Mannsbilder des Dorfes den Hund auf einer Decke an; ihm waren die Pfoten zerschlagen worden. Er atmete kaum, lebte aber noch.

„Das war Petka mit seiner Truppe… Wir haben es gesehen“, sagten sie und legten Einohr auf dem Boden ab.

Petka war der örtliche Junkie und einfach nur ein Idiot.

Serjoga ließ sich neben dem Hund auf seine Knie herab und umarmte diesen. Der Hund aber leckte ihn einmal schwach an seiner Nase.

„Lass uns wohl einen trinken gehen, oder“, murmelten die Mannsbilder, und man hörte ein verlorenes Schluchzen. Sie gingen still davon.

Mit einiger Mühe hob Serjoga Einohr hoch und trug ihn ins Haus. Am Abend klopfte Njura bei ihnen an der Tür.

„Ich, hier… Also, ich habe euch was gekocht. Esst mal… Ach, lass dein Geld stecken!“

Der Hund überlebte, aber laufen konnte er nicht mehr, nur noch kriechen. Eines Tages nahm Serjoga einen schweren Stock und begab sich dorthin, wo Petka und sein Trupp, die seinen einzigen Freund zum Krüppel geschlagen hatten, üblicherweise abhingen.

Man erzählte sich dann die verschiedensten Dinge. Jemand meinte, dass Serjoga den Kerlen einfach nur einen Schrecken einjagen wollte, ein anderer, dass er ihnen genauso die Beine zerschlagen wollte, wie sie das mit Einohr getan hatten. Jedenfalls fand man ihn zwei Tage später mit einem Messer im Rücken. Vielleicht hätte man ihn erst später gefunden, vielleicht auch gar nicht, aber der Hund heulte so laut, dass es im ganzen Dorf zu hören war, so dass die Leute Argwohn fassten. Petka aber war seither wie vom Erdboden verschluckt.

Die Mannsbilder versammelten sich, zimmerten einen Sarg zusammen und begruben Serjoga. Ach, was heißt »begruben«. Sie verscharrten ihn auf dem örtlichen Friedhof, und das war es. Das Haus vernagelten sie. Und Einohr? Einohr war wieder verschwunden…


„Wir haben uns damals lange Zeit gefragt, wie und wohin denn dieser Hund verschwunden sein konnte, er konnte ja nicht laufen“, erinnert sich die alte Nachbarin, Tante Mascha, die mir all dies erzählte. „Dann aber kam Njurka, die Schwarzbrennerin, tränenüberströmt vom Friedhof her gerannt“.

Njurka war damals auf den Friedhof zum Grab ihrer toten Mutter gegangen. Als sie an der Stelle vorüberkam, an der vor kurzem Serjoga, die Missgestalt, beerdigt worden war, erstarrte sie, als hätte sie der Blitz getroffen. Auf dem Grabhügel lag, die Erde mit seinen verstümmelten Pfoten umarmend, Einohr. Er war tot…

…Tante Mascha wischte sich verhohlen die Tränen weg.

„So viele Jahre sind schon vergangen, aber die Erinnerung wühlt mich immer noch auf. Du warst ja da, hast gesehen, dass es ziemlich weit weg ist. Wie konnte er bis dahin kriechen, wie konnte er, der arme, das Grab finden?..“

…An diesem Tag versammelten sich die Leute an Serjogas Grab. Njurka, die Mannsbilder, die Frauen, die damals noch nicht alte Tante Mascha… Sie standen da, schauten auf Einohr und dachten jeder seins.

„Macht dem Serjoga doch irgendwie ein Kreuz, Männer“, sagte Njurka plötzlich. „Was denn, sind wir denn schlechter als ein Hund? Von mir bekommt ihr eine Flasche.“

„Ja sind wir denn keine Menschen?“, antwortete jemand.

„Eigentlich war er ja kein schlechter Kerl, hat niemandem Leids getan“, erklang eine andere Stimme.

„Da haben seine Qualen ein Ende. Der Unglücksrabe…“

„Ach…“

So kam es, dass auf diesem Grabhügel ein auf die Schnelle aus zwei Rohren zusammengeschweißtes Kreuz auftauchte. Und dann ging Zeit ins Land, noch viele andere Leute zogen weg, Serjogas Haus fiel gänzlich in sich zusammen, das Grab wucherte zu und alle haben all das vergessen…

…Am nächsten Tag pflückte ich einen kleinen Strauß Blumen – Löwenzahn und noch irgendwelche blauen Blümchen – und begab mich zum Friedhof.

Ganz genau so tönte die Natur, sangen die Vögel, flatterten die Schmetterlinge, und es schien, als existiere der Tod nicht.

„Weshalb hat der Herr dir all das zuteilwerden lassen?“, dachte ich. „Wo bist du jetzt? Und wie geht es dir dort?“

Und aus irgendeinem Grunde schien mir, dass es Serjoga jetzt gut ging. Ich spürte das einfach und fertig. Und dann dachte ich noch: Hätte es in seinem Leben ein klein wenig mehr Liebe gegeben, dann wäre alles ganz anders verlaufen.

Wie wichtig ist doch die Liebe! Wenn selbst die Liebe eines Hundes dazu imstande war, das Leben eines unglückseligen und einsamen Jungen zu erwärmen, was hätte die menschliche Liebe bewirken können! Ja, die Liebe wirkt Wunder. Und ihr Fehlen tötet alles Lebendige. Und wieso konnte dieser missgestaltete Hund, Einohr, so lieben, während wir, die Menschen, das oftmals nicht können? Wir sind doch nicht schlechter als Hunde…



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