17.
Okt
2017

6
min

Dem Schatten hinterher

"Dem Schatten hinterher" ist eine Kurzgeschichte von Jaroslaw Schipow.

Die alte Gascha aus dem Dorf Rysowo in der Oblast Nowgorod erzählte mir, wie kurz nach dem Krieg – ich glaube, es war im Jahr sechsundvierzig, vielleicht auch schon fünfundvierzig – Deutsche durch ihr Dorf kamen. Mehrere Male. Mal waren sie zu zweit, andermal auch allein.

Sie konnte sich nicht genau an den Grund dafür erinnern, dass sie zu Fuß aus der Gefangenschaft heimkehren mussten: Ob sie bestohlen, ihr Habe verspielt oder einfach von den ihren abgefallen waren – aber es geht um etwas anderes; jedenfalls gingen sie zu Fuß.

Rysowo war zu der Zeit ein ganz normales, von Tod und Hunger gezeichnetes Dörfchen von vielleicht dreißig Höfen; es gab kaum noch Menschen da und fast gar keine Männer. Früher hatte es einmal mehr als hundert Hütten, aber das war lange her, noch vor der Kollektivierung. Das wertvollste, was es in den Hütten des Dorfes Rysowo nach dem Krieg gab, waren die traurigen Fotografien der gefallenen Verwandten. Baba Gascha hatte ihren Mann Nikolai im Krieg verloren. Sein strenges und lichtes Antlitz erhellte aus dem fotografischen Jenseits all die Tage und Nächte, die diesem Haus noch beschieden waren.

In ein solches Dorf und in ein solches Haus kamen also die Deutschen. Für ein wenig Essen und eine Übernachtungsmöglichkeit in der Scheune erledigten sie, so gut es ging, irgendwelche Arbeiten und gingen weiter ihrer Wege. Niemand kränkte sie, außer vielleicht unverständiges Volk, wie die Kinder: Mal wurden sie von ihnen ausgepfiffen, mal mit Reimen wie »Deutscher-Peutscher-Bratwurstler« gehänselt oder auch mal mit einem Steinwurf bedacht, die Erwachsenen aber waren diesen Läufern gegenüber ziemlich leidenschaftslos. Ich war noch jung und konnte das nicht verstehen: Wie konnte das denn sein? Die alte Gascha erwiderte das mit einem Lachen – das machte sie, indem sie mit ihren Schultern zuckt, ansonsten aber vollkommen lautlos: Sie hatte nur noch einen Zahn und machte deshalb ihren Mund nicht auf – sie schämte sich. Ich ereiferte mich umso mehr, denn wie konnte das denn möglich sein: Vielleicht waren es ja gerade die, welche ihren Nikolai getötet haben, und sie…? Und im selben Augenblick wurde sie ernst und gab mir still Recht: Ja, das kann schon sein. Dann sah sie mich mitleidig an und fragte:

»Was blieb uns denn anderes übrig?.. Sollten wir etwa zusehen, wie sie vor Hunger umkommen? Wir gaben ihnen also zu essen… Schau, unsere Männer sind allesamt als Krüppel heimgekommen: Der eine ohne Bein, der andere ohne Arm, ein weiterer hatte ein Explosionstrauma, und noch einer hatte Löcher im Leib wie ein Sieb, aber auch die gaben ihnen etwas zu tun und dann etwas zu essen…«

So kam es, dass einmal zwei Deutsche ihren Zaun flickten. Sie erledigten also diese Arbeit. Danach saßen sie, wie es aussieht, in der Hütte zu Tisch und aßen Kohlsuppe und Roggenbrot. In diesem Augenblick betrat der Brigadier das Haus – er war mit einer Krücke unterwegs; diese Krücke war selbstgebaut und lärmte unheimlich, wenn sie auf dem Boden aufsetzte. »Oha!«, meinte er, »du hast Besuch! Wer sind die denn?«

Agafja – denn damals war sie noch nicht die alte Gascha, sondern die verdiente Kolchosenarbeiterin Agafja Orlowa – hatte gar nicht vor, auf diese unsinnige Frage zu antworten. »Ich weiß nicht mehr, ob wir an diesem Tag gemäht oder Flachs geschwungen haben; jedenfalls war ich noch vor Sonnenaufgang aus dem Haus gegangen und erst am Abend wieder daheim – ich hatte keinerlei Kraft mehr, er aber kam mir mit solchem Unsinn, als ob er nicht selbst sehen würde, was das für Leute waren.«

Der Brigadier sagte dann auch: »Der Uniform nach sind das wohl Deutsche, sie selbst aber sehen nicht gerade wie Deutsche aus.«

Agafja gab zur Antwort, dass es doch Deutsche wären, sie hätten ihr Papiere gezeigt, und sie kehren aus der Gefangenschaft zurück. Da zückten sie auch schon ihre Papiere und hielten sie dem Brigadier hin, der aber winkte nur ab, und seine Miene schien zu sagen: Ich glaube euch nicht, das werden nichts als Fälschungen sein.

Daraufhin verkündete einer der Deutschen: »Ich bin Weber, der da ist Braun« – es war bemerkenswert, dass sich die alte Gascha die Nachnamen gemerkt hatte, obwohl sie diese freilich auf ihre eigene Weise aussprach: »Webir und Brjaun«.

Der Brigadier stellte sich wieder quer und meinte: »Es gibt Webers und Brauns, die sind gar keine Deutschen!« – Da waren sie sichtlich gekränkt und beharrten darauf, dass sie nicht irgendwelche anderen waren. Er aber wieder: »Als hätte ich keine Deutschen gesehen! Als ob ich nicht wüsste, wie die Deutschen arbeiten! Ihre Seelen«, so sagte er, »sind immerfort in hoffnungsloser Nüchternheit gefangen, und aus diesem Grunde arbeiten sie auch so gut. Ihr aber habt eure Arbeit hier doch sehr nachlässig erledigt: Die Pfosten stehen ungleichmäßig, die Zaunlatten sind schief angenagelt, und Dreck, oh, einen Dreck habt ihr da zusammengetrampelt!«, sagte er und winkte wieder ab.

»Daraufhin«, so erzählte mir die alte Gascha, »hörten sie sogleich mit dem Essen auf, holten diese auffälligen Tüchlein aus ihren Taschen, mit denen sie ihre Löffel einschlugen. Zuerst haben sie die Löffel natürlich mit diesen Tüchlein abgewischt, so dass sie ganz sauber wurden, dann wickelten sie sie ein, schoben sie in die Taschen und erhoben sich – wie auf Kommando! – und gingen hinaus. Ach so, »Spasibo« haben sie noch gesagt… Mir war's recht: Wenn sie fort sind, sind sie fort, ich hatte keinen Nerv mehr für den Zaun; Hauptsache, er steht fest und so, dass sich kein Vieh zu mir herein verirrt. Der Brigadier gab mir den Arbeitsauftrag für den folgenden Tag, und ich begab mich mit ihm hinaus vor die Tür und sah: Die Deutschen reißen ihr Werk wieder ein. Was fällst du, so meinte ich zu ihm, mir in den Rücken? Schau, deinetwegen werden sie jetzt ihr Werk wieder abbrechen, alles hinschmeißen und weggehen. Ach, die schmeißen nichts hin, erwiderte er mir. Und ratterte samt seiner Krücke von dannen. Am folgenden Morgen holte er uns zur Arbeit ab, und was sehe ich? Alles eingerissen! Nichts als Gelächter habe ich da von den Weibern geerntet. Freilich schaute ich noch in die Scheune und sah dort die wackeren Arbeiter schlafen… Was sollte ich tun? Ich ließ ihnen einen Napf mit den Resten der Kohlsuppe da, den ich mit einer Pfanne abdeckte, und auf die Pfanne stellte ich noch das Bügeleisen, damit die Katzen und Hunde sich nicht an dem Essen vergriffen. Und als ich zurückkehrte, war alles schon vollbracht: Die Pfosten in absolut regelmäßigen Abständen, Zaunlatte an Zaunlatte, und wo sie gegraben hatten, war wieder Rasen, und die Wege waren mit frischem Sand bestreut… kurz gesagt, es waren wirklich Deutsche.«

Deutsche Kriegsgefangene

Es kamen auch noch andere, aber an die konnte sich die alte Gascha nicht mehr so gut erinnern wie an diesen Vorfall. Wahrscheinlich aufgrund dessen, dass sich der Brigadier eingemischt und der Sache eine solch unvorhersehbare Wendung verliehen hatte. Der Brigadier hatte übrigens seine letzte Kriegsverletzung auf einer der Berliner Straßen abbekommen.

Diese Art Fußgänger kam nicht sehr oft, trotzdem waren Begegnungen mit ihnen etwas Gewöhnliches; in dem Dorf, in dem es eine Kirche und einen Friedhof gibt, wo inzwischen auch die sterblichen Überreste der Agafja Orlowa ruhen, gingen die Deutschen sogar in die Kirche, um dort zu beten – niemand jagte sie davon, niemand behelligte sie, obwohl alle wussten, dass sie eines anderen Glaubens waren.

Es ist natürlich klar, dass nur die zu Fuß heimkehrten, die keine andere, bessere Wahl hatten. Allerdings scheint es mir, dass die Wanderer, die sich niemals auf den Zufall verließen, eine durchaus genaue Vorstellung von Charakter und Brauchtum des Volkes hatten, durch dessen Länder sie nach dem Krieg zu gehen hatten, unbewaffnet und ohne jegliche Verpflegung für ihren Weg.

Es war unmöglich, dass sie nicht gewusst haben, dass die Russen nach dem Kampf nicht mehr die Fäuste schütteln, und sie mussten geahnt haben, dass es hier nicht Sitte ist, nachtragend zu sein, und sie konnten es erleben – sowohl in den Tagen ihres berauschenden Triumphs, als auch zu Zeiten ihrer Ruhmlosigkeit – wie gütig dieses Volk gegenüber den Elenden und den Armen ist und zu denen, die in Not geraten waren.

»Sie sind mit ihnen also umgegangen, wie mit Wandersleuten?«, wollte ich von der alten Gascha wissen.

»Nicht doch, mein Lieber! Die Wandersleute betteten wir in unseren Häusern zur Ruhe, diese aber nicht: In der Dampfsauna oder in irgendeiner Scheune, im Haus aber nicht… Sie standen früh auf, gingen auf die Straße und liefen weiter: Wohin der Schatten zeigte, dahin gingen sie auch. Sie liefen immer ihrem Schatten hinterher.«



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