05.
Dez
2016

7
min

Leseprobe: Wanjas Reise zum heiligen Johannes von Kronstadt

Die Erzählung "Wanjas Reise zum heiligen Johannes von Kronstadt" erscheint bei Edition Hagia Sophia. (weitere Info zum Titel)

Als Pjotr und Wanja in das Hotel kamen, wartete auch dort bereits eine größere Anzahl Menschen auf Vater Johannes. Der Samowar kochte, die Tische waren mit Teebechern und Gebäck gedeckt, doch vor der Ankunft des Priesters rührte niemand den Tee und die Speise an. In jedem Zimmer befanden sich vor den Ikonen kleine Tische, auf denen Zettel und Bleistifte lagen.

Maria Petrowna schickte zwei Dienstmädchen los, um Ausschau zu halten, wann Vater Johannes ankäme, um dann umgehend die Wartenden darüber zu informieren. Die Wirtin selbst ging von Zimmer zu Zimmer, um mit jedem einzelnen Gast ein kurzes Gespräch zu führen. Die Türen aller Gästezimmer standen offen.

„Und wie viel gibt man dem Vater Johannes für die Andacht?“, fragte ein bescheiden gekleidetes Mädchen die Wirtin.

„Jeder möge so viel geben wie er kann, wenn nur aus Eifer und nicht aus Zwang gegeben wird. Vater Johannes nimmt das erhaltene Geld ja, um es den Bedürftigen zu geben, und stets erkennt er, wer es mit reinem Herzen gibt und wer es ungern gibt. Manchmal verzichtet er auch ganz darauf Geld zu nehmen… Vor kurzem gab es einen solchen Fall: jemand lud Vater Johannes in sei Haus ein, damit er dort eine Andacht halten solle. Die Hausherrin wollte Batjuschka für die Andacht 10 Rubel und zwei teure Seidentücher geben, aber der Herr meinte, dass es zu viel sei, es würde reichen, wenn sie ihm 5 Rubel gäbe.

Die Hausherrin wollte ihm nach der Andacht dennoch 10 Rubel und die Seidentücher geben, er nahm davon nur 5 Rubel und gab ihr den Rest zurück. Dabei sagte er: „Es ist zu viel, es reichen auch 5 Rubel…“

Plötzlich, die Wirtin hatte ihre Erzählung noch nicht beendet, schallte wildes Geschrei und Ächzen durch das Haus. Alle stürzten in den Flur und liefen zu dem Zimmer, aus dem die Schreie kamen. Was sie dort sahen, erschreckte alle Anwesenden: ein Mädchen hatte offenbar einen Anfall. Ihr Gesicht war blau, sie krümmte sich und hatte Schaum vor dem Mund. Dabei kreischte sie unentwegt, schlug wie verrückt um sich, sodass es nur mit der Hilfe mehrerer Menschen möglich war sie festzuhalten. Es war ein schrecklicher Anblick: die Adern auf Ihren verkrampften Händen und in an ihren Schläfen waren zum Bersten angeschwollen.

„Verschwindet, los verschwindet! …“, kreischte sie immer wieder hysterisch. Dazwischen stieß sie Beleidigungen aus. Dann jammerte sie plötzlich „Oh-oh-oh, nein! … und begann im gleichen Moment wie ein Hund zu bellen und im nächsten Moment stieß Sie Laute ähnlich einem krähenden Hahn aus. Zwischen den tierähnlichen Schreien, erscholl ein schauererregendes Gelächter. Wanja blickte sie starr vor Schreck und voller Mitleid an.

„Nein, er kommt! … er kommt! …“, schrie das sich noch immer krümmende Mädchen mit einer merkwürdigen Stimme.

„Sie spürt, dass Vater Johannes auf dem Wege hier hin ist“, sagte die Wirtin leise. „Derartig Kranke schreien und wälzen sich, wenn Vater Johannes sich nähert.“

Und in der Tat, Sekunden später lief ein Dienstmädchen herbei und rief: „Vater Johannes ist gleich hier, er ist gerade vorgefahren.“ Schon hörte man die Droschke vor dem Hause. Schnell liefen einige Leute hinaus um Vater Johannes gleich über den Vorfall zu informieren.

Auch Pjotr und Iwan stürzten zum Eingang der Pension. Vater Johannes stieg gerade, an der einen Seite vom Altardiener, an der anderen von einem Pilger gestützt, aus der vorgefahrenen Droschke.

Als Vater Johannes in das Gasthaus eintrat, lief ihm bereits im Vorzimmer eine dicke Dame in einem prachtvollen Seidenkleid weinend entgegen und bat ihn um seinen Segen.

„Warum weinen sie?“, fragte Vater Johannes mitfühlend und legte seine Hand auf ihren Kopf.

„Das Leben mit meinem Mann ist furchtbar…“, sagte sie fast unhörbar.

„Glauben sie an Gott und beten sie! Er wird alles wieder richten!“, sagte Vater Johannes eindringlich, um sich eilends auf den Weg in das Zimmer der jungen Frau zu machen.

Alle Anwesenden warteten ungeduldig auf Vater Johannes. Sie waren sehr aufgebracht und so bat die Wirtin sie ihre eigenen Zimmer aufzusuchen. Doch die meisten von ihnen warteten aufgeregt vor der Tür, in die Vater Johannes eingetreten war.

Von draußen vernahm man nur sehr schwer die Stimme des Priesters, wie er leise eine kurze Andacht hielt. Dann verließ er das Zimmer und sprach mit den anderen Gästen. In ganzem Gasthaus war es so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Pjotr vernahm nur ein leises Ächzen aus dem Zimmer, welches aber stetig leiser wurde und schließlich ganz verstummte.

Aufgeregt warteten Pjotr Iwanowitsch und Wanja, wann Vater Johannes in ihr Zimmer käme, als sie auch schon seine Stimme in der Nähe ihres Zimmers vernahmen…

Dann öffnete sich die Zimmertüre und mit leichtem Schritt trat Vater Johannes ein. Keine Spur von Ermüdung stand in seinem Gesicht, lediglich auf den Wangen zeugte eine leichte zarte Rötung von seiner Anstrengung. Seine Augen strahlten in jugendlichem Glanz. „Kann es überhaupt sein, dass er bereits über sechzig Jahre alt ist?“, fragte sich Wanja in Gedanken, als er das junge strahlende Gesicht von Vater Johannes erblickte.

Der unermüdliche Seelenhirt begann gleich zu beten. Die Worte des Gebets waren von einem so tiefen Glauben durchdrungen, dass sie alle anderen gleich in eine Gebets-Stimmung versetzten.

Wanja fiel auf seine Knie nieder. Die gleiche Begeisterung, die er im Altar der Kathedralkirche des heiligen Andreas empfunden hatte, ergriff ihn auch jetzt in diesem Moment. Inniglich betete er für die Gesundheit seiner Familie, um die Leidenden und Kranken die er kannte; auch betete er, dass ihm Gott Kraft gebe und den rechten Lebensweg weise. Seine Seele wurde federleicht und Tränen rannen ihm über die Wangen; Gott schien ihm ganz nahe zu sein.

Als Vater Johannes die Andacht beendet hatte, bat ihn Pjotr um ein kurzes Gespräch. Vater Johannes ging mit ihm in eine Ecke des Zimmers, legte seine Hand auf Pjotrs Schulter und sprach leise zu ihm. Mit welch väterlicher Liebe leuchteten doch seine strahlenden Augen!

Als er das Gespräch mit Pjotr Iwanowitsch beendet hatte, zeigte der Priester auf Wanja und fragte Pjotr:

„Und das ist sicherlich ein Verwandter von ihnen?“

„Nein Vater Johannes, es ist ein Bekannter. Aber auch er möchte gerne mit ihnen sprechen.“

Als Wanja das Gesagte gehört hatte, ging er zu Vater Johannes und sprach aufgeregt:

„Vater, betet bitte für mich – mir tut bereits seit langem der Magen sehr weh!“

„An welcher Stelle tut‘s denn weh?“, fragte der Priester.

Wanja zeigte auf die Stelle.

Vater Johannes berührte die kranke Stelle mit der Hand und drückte sie leicht.

„Bete zu Gott und glaube, und deine Krankheit wird abklingen…, dem Gläubigen ist alles möglich“, sprach Vater Johannes mit Überzeugung.

„Und Vater, da wäre noch etwas, was würden Sie mir raten…“, begann Wanja, und schämte sich ein wenig dabei. „Ich wünschte mir schon immer ein Mönch zu sein, würden Sie mir erlauben Mönch zu werden?“

Sanft strich Vater Johannes mit der Hand über den Kopf des jungen Wanja.

„Und wie alt bist du?“, fragte er ihn liebevoll.

„Vierzehn.“

„Gehst du irgendwo zur Schule?“

„Ich gehe in eine geistliche Schule“, antwortete Wanja.

Tief blickte ihm der Priester in die Augen und sagte dann: „Lerne weiterhin fleißig. Wenn du die Schule beendet hast, dann gehe ans Seminar, und dann wird sich die Frage nach dem Weg in das Mönchtum für dich lösen…“

Dann fragte Vater Johannes sanft lächelnd:

„Kommst du von weit her?“

„Aus dem Don-Gebiet“, antwortete Wanja.

„Und mit wem bist du hierher gereist?“

„Allein.“

„Braver Junge!“, lobte ihn Vater Johannes. Plötzlich beugte er sich ganz nah an Wanjas Ohr und flüsterte: „Und, reicht das Geld für die Heimfahrt?“

„Nein“, antwortete Wanja, und blickte beschämt auf den Boden.

„Und, wieviel Geld brauchst du für die Rückfahrt?“

„Ich denke, Vater Johannes, so etwa 20 Rubel…“ flüsterte der Junge schüchtern.

„Hier nimm, das ist für deine Heimfahrt.“

Wanja spürte wie Vater Johannes ihm offenbar Geldscheine in die Hand drückte. Mit Tränen der Dankbarkeit ergriff er die Hand des Vaters und küsste sie.

„Bitte Vater Johannes, bitte, betet für mich und meine ganze Familie!“, bat er nochmals und überreichte ihm einen Zettel mit den Namen seiner Verwandten.

Nun gingen alle gemeinsam aus dem Gasthaus, um sich von Vater Johannes zu verabschieden. Hinter dem geliebten Seelenhirten erschollen Rufe:

„Auf Wiedersehen, unser geliebter Priester! Bitte betet für uns!“

„Gott errette euch!“, rief Vater Johannes den Gästen zurück.

Die Droschke fuhr Vater Johannes nun weiter durch die Stadt, zu anderen Häusern und anderen Leidenden…

Als die beiden Jungen nach der Abfahrt von Vater Johannes gemeinsam beim Tee saßen, sagte Pjotr mit immer noch leuchtenden Augen zu Wanja: „Was für ein herrlicher Mensch Vater Johannes doch ist! – er versprach nicht nur für meinen kranken Vater zu beten, sondern half unserer Familie auch mit Geld!“

„Mir hat er auch Geld für die Rückfahrt gegeben!“ – rief Wanja begeistert aus, und als er das Papierröllchen aus der Tasche nahm und nachschaute, da sah er, dass es sogar 25 Rubel waren. „Und wie er das geschafft hat, mir meine Sorgen zu nehmen und Gewissheit zu geben. Jetzt ist’s so leicht im Herzen…“

Dann schwiegen beide eine Weile.

„Wann wirst Du fahren?“, wandte sich Wanja an Pjotr Iwanowitsch.

„Ich muss mich beeilen, packen und gleich auf den Weg machen“, antwortete er. „Mein Zug nach Oranienbaum fährt in einer Stunde ab.“

„Ich fahre mit dir! Ich muss mich nun beeilen heim zu kommen! Dort macht man sich ja sicherlich große Sorgen um mich…“

Und die beiden jungen Pilger begannen ihre Sachen zusammenzupacken und machten sich auf den Weg zum Bahnhof. Bereits nach einer Stunde hatten Sie mit dem Zug Kronstadt verlassen. Kronstadt, jene Stadt, die sie mit solch fröhlichen und hellen Eindrücken beschenkt hatte…


  • Taschenbuch: 106 Seiten
  • Verlag: Edition Hagia Sophia; Auflage: Deutsche Erstauflage (1. November 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3937129855
  • ISBN-13: 978-3937129853


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