20.
Sep
2018

7
min

Das zeitgenössische Paterikon

Um über die Kirche zu schreiben, braucht es Mut. Um auch noch interessant über die Kirche zu schreiben, ohne, dass man dabei salbadern oder Gift und Galle speiend daherkommt, braucht es überdies noch Intelligenz, einen feinen Sinn für Ironie und ein Gefühl für das richtige Maß.

Maja Kutscherskaja ist das gelungen. Ihre Geschichten über Batjuschkas und Matuschkas, über Gläubige, Narren in Christo, über Mönche und Nonnen sind sehr verschieden - mal sind sie ironisch, mal erbaulich, mal lustig oder traurig, aber immer lebendig und echt und voller liebender Anteilnahme. Lektüre für jene, die mitunter von Mutlosigkeit befallen werden.

»Das Zeitgenössische Paterikon« von Maja Kutscherskaja wurde in einem Kloster verbrannt, und an einem Priesterseminar wird es gleichzeitig als Lehrmaterial herangezogen. Ein solches Buch hat es bisher noch nicht gegeben. Die Auseinandersetzung darüber spaltet die Leser in zwei unversöhnliche Lager. Den einen erscheint diese Sammlung von Kurzgeschichten über Geistliche und ihre Gemeinden zu ironisch und giftig, andere sind davon überzeugt, dass das Buch mit großer Herzenswärme und Liebe geschrieben wurde. Wie es sich tatsächlich verhält, muss der Leser wohl selbst beurteilen; von unserer Seite soll lediglich noch hinzugefügt werden, dass das »Zeitgenössische Paterikon« innerhalb von vier Jahren fünfmal neu aufgelegt wurde und Zitate daraus inzwischen schon zu geflügelten Worten geworden sind. Erstmals 2004 in Russland erschienen, wurde das Buch im Jahre 2006 mit dem Bunin-Literaturpreis ausgezeichnet.

Maja Kutscherskaja, 1970 in Moskau geboren, ist eine bekannte russische Schriftstellerin, Literaturkritikerin und Philologin. Sie ist Autorin zahlreicher wissenschaftlicher, populärer und kritischer Artikel in verschiedenen Publikationen.

Das zeitgenössische Paterikon: Lektüre für von Mutlosigkeit Befallene

  • Broschur, 302 Seiten
  • Verlag: Edition Hagia Sophia; Auflage: 1., Deutsche Erstauflage (1. August 2018)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3963210001
  • ISBN-13: 978-3963210006

Zu bestellen im Online-Buchshop von Edition Hagia Sophia oder bei Amazon.

Leseproben

16.

Vater Dorimedont hatte sich an Schokolade überfressen. Die Schokolade hatte ihm seine Mutter in einem Päckchen geschickt, und als Vater Dorimedont noch auf dem Rückweg von der Post war, hat er nach und nach aus Versehen alles aufgegessen.

Abends lag er auf seinem Lager und hielt sich den Bauch, und ans Einschlafen war nicht zu denken. Die Brüder hatten Mitleid mit ihm, tanzten Ringelreihen um sein Bett und sangen ihm das klösterliche Gutenachtlied. Aber Vater Dorimedont war nach wie vor wehmütig.

„Schaut doch, er hält sich am Bauch“, bemerkte einer der Mönche. „Wahrscheinlich ist er vor lauter Askese krank geworden. Ich werde ihm ein Stück Schokolade aus dem Kühlschrank holen, um ihm etwas Trost zu spenden!“

„Nur das nicht!“, stöhnte Vater Dorimedont vor Entsetzen. „Gib mir lieber einen Schluck gesalzenes Wasser.“

Als die Brüder das hörten, wunderten sie sich über seinen strengen Lebenswandel und verstärkten daraufhin ihr eigenes Fasten.

(aus dem Lesezyklus "Lektüre in der Adventszeit")

Der Nichtskönner

Ein Batjuschka konnte überhaupt nichts. Er verstand es nicht, die Kirche instand zu setzen, und seine Kirche stand denn auch schon das fünfte Jahr mit einem Baugerüst herum. Er verstand es auch nicht, Buchhandel zu betreiben, sich Verkaufsstände zu organisieren oder ins Buchgeschäft einzusteigen.

Er schaffte es nicht, sich ein Wohnhaus für den Klerus zu ergattern oder wenigstens einen Raum für die Sonntagsschule. Er hatte nicht die nötigen Verbindungen, keine freigebigen Sponsoren, nicht dutzende oder gar hunderte von loyalen geistlichen Kindern; er hatte kein Auto, kein Mobiltelefon, keinen Computer, keine E-Mail, ja, nicht einmal einen Pager. Er hatte nicht die Gabe der Seelenschau, die Gabe der Wundertätigkeit, die Gabe der Hellsicht oder die Gabe, einen schönen Gottesdienst zu feiern – die Gottesdienste zelebrierte er mit leiser Stimme, so dass man, wenn man weit vom Altar entfernt stand, rein gar nichts mehr hören konnte. Und was er tatsächlich so gar nicht hatte war die Gabe des Wortes. Seine Predigten stammelte er vor sich hin und sagte immer ein und dasselbe, Mal ums Mal. Seine Matuschka hörte und sah man nicht, obwohl er doch eine hatte, aber Kinder hatten die beiden keine. So lebte der Batjuschka sein Leben, und schließlich starb er. Die Totenmesse hielt man an einem trüben Novembertag, und als die Leute, wie das üblich ist, ihre Kerzen entzünden wollten, da brannten alle Kerzen von allein an, und die Kirche wurde von einem jenseitigen Licht erhellt.

(aus dem Lesezyklus "Lektüre für jene, welche die Süße des wahren Glaubens erst vor kurzem gekostet haben")

Die Séance

Vater Konstantin war ein großer Spaßmacher. Dafür liebten ihn alle. Und viele gingen zu ihm, um sich Rat zu holen. So beschloss auch Pascha Jegorow einmal, den Batjuschka zu fragen, was er tun solle. Vor vier Jahren hatte Pascha geheiratet, und zwar seine große Liebe. Sie hieß Wika Kondratjewa und war aus der Informationsabteilung. Wika war nicht unbedingt eine Schönheit, aber sehr schlank, sie hielt ihren Kopf hoch und schritt graziös mit ihren langen Beinen, an denen sie Louboutins trug – kurz, Pascha konnte es sich nicht mehr ohne sie vorstellen. Selbst, als er sie geheiratet hatte, verging seine Liebe zu ihr nicht, sondern sie wurde ganz im Gegenteil noch viel stärker. Wika aber war, ganz im Gegensatz dazu, erst ganz zufrieden mit Pascha, machte ihm Mittagessen, umarmte ihn sogar, dann aber wurde es ihr langweilig. Sie beeilte sich nicht mehr, nach Hause zu kommen. Mal blieb sie irgendwo mit ihren Freundinnen hängen, mal ging sie nach der Arbeit shoppen, denn das ist ja jetzt nicht wie damals – die Läden haben rund um die Uhr geöffnet, und zum Einkaufen ist nach der Arbeit gerade die richtige Zeit. Pascha aber saß zu Hause und weinte fast, schaute sogar hin und wieder aus dem Fenster. Seine Wika war eine ehrliche Natur, und es gab niemanden, auf den Pascha hätte eifersüchtig sein müssen, aber es tat ihm trotzdem weh. Da sitzt der Ehemann zu Hause, die Ehefrau aber lässt nicht einmal ihre Nasenspitze blicken! Da kam es zwischen den beiden zu Streit. Wika umarmte ihn dann und sagte: Mir ist zu Hause langweilig, mein Lieber. Auf der Arbeit habe ich es mit Papierkram zu tun, und zu Hause erwarten mich nur die Küche und du. Langweilig. Pascha entgegnete ihr: Was denn, bin ich denn ein Clown, der dich zu unterhalten hat? Und wieder kam es zu Streit. Da beschloss Pascha, sich an den Batjuschka zu wenden, denn unser Pascha war ein gläubiger Mensch. Übrigens im Unterschied zu seiner Frau.

Der Batjuschka befragte Pascha nach allen Dingen, aber während er ihn so ausfragte, musste er zweimal gähnen, denn Pascha berichtete ihm alles ausführlich in allen Einzelheiten, so dass der Batjuschka ihm schließlich sagte: „Alles klar. Sie denkt, dass du ein Langweiler bist. Wir aber machen das jetzt folgendermaßen.“ Und er sagte Pascha, was nun zu tun sei.

Und wieder einmal hielt sich Wika irgendwo auf und kam lange nicht nach Hause, und als sie schließlich heimkam und an der Tür klingelte, öffnete ihr niemand. Sie klingelte noch einmal und ein drittes Mal – nur Stille. Da holte sie ihren Schlüssel hervor, öffnete selbst die Tür und betrat die Wohnung. Da standen sie doch, Paschas Schuhe und da, im Flur, war auch seine Jacke. Er musste also zu Hause sein! Wika wurde stutzig. Sie warf ihre Schuhe ab, ging durch ins Wohnzimmer, im Wohnzimmer aber bekam sie fast keine Luft mehr von einem enormen Alkoholdunst, der sich dort aufgebaut hatte. Auf dem Boden liegend schlief der rotzbesoffene Pascha, um ihn herum auf dem Teppichboden lagen Zigarettenstummel und leere Bierflaschen. Dazu muss man sagen, dass Pascha bis dahin nie Alkohol angerührt und auch nur ein einziges Mal in seinem Leben zu rauchen versucht hatte, und das war, als er in die sechste Klasse ging, und seitdem nie wieder. Wika ging daran, Pascha mit den Füßen wachzutreten, dieser aber brummte nur. Doch plötzlich öffnete er die Augen. Und schrie mit fürchterlicher, heiserer Stimme:

„Liebste! Du bist heimgekommen!“

Und fiel sofort wieder mit dem Kopf zurück auf den Boden und begann zu schnarchen. Nach einiger Mühe konnte ihn Wika aber doch zur Besinnung bringen; sie forderte eine Erklärung.

„Meine Liebe! Ich habe mich vor Kummer betrunken“, erklärte Pascha ihr mit sich verheddernder Zunge, während er dabei aber grinsen musste. „Denn du kamst und kamst nicht nach Hause. Aber ich kann ohne dich nicht leben.“

Da hob Pascha einen Zigarettenstummel vom Boden auf und machte sich daran, nach den Streichhölzern zu suchen.

„Aber warum hast du die Kippen auf dem Boden herumgeworfen? So fehlt ja nicht viel, bis es hier zu brennen anfängt!“, versuchte Wika ihm ins Gewissen zu reden. Aber es war zu spät – Pascha ließ die Kippe fallen und schlief wieder ein.

Da zog Wika dem Pascha mit großer Mühe die Sachen aus, schleppte ihn auf die Couch, deckte ihn zu, sammelte die Zigarettenstummel ein, schaffte die leeren Flaschen fort und schloss die Zimmertür. Sie selbst setzte sich in der Küche und machte den Fernseher an. Dort lief gerade die Sendung „Aus Sicht der Frau“, Wikas Lieblingssendung.

Am nächsten Morgen bat Pascha vollkommen zerknirscht um Vergebung, küsste ihr die Hände, flehte sie an, sie möge ihm verzeihen, es sei alles aus Kummer geschehen. Wika vergab ihm und erzählte allen ihren Freundinnen aus der Informationsabteilung, wie sehr ihr Mann sie liebt. Doch ein paar Tage später rief Olja Motina sie zum Schlussverkauf bei „Pfennig“; die Ladenkette war pleite, oder irgend so etwas, und veranstaltete einen Ausverkauf von Elektrogeräten zu sa-gen-haf-ten Preisen. Am Vortag hatte die Motina schon einen Pürierstab erstanden, heute wollte sie noch einen Entsafter drauflegen – gestern war ihr einfach das Geld ausgegangen. Wika aber brauchte gerade ein neues Bügeleisen. Als sie mit ihrem Einkauf nach Hause zurückkehrte, war Pascha wieder besoffen. Allerdings lag er diesmal nicht auf dem Boden, sondern saß im Sessel, während die Kippen in einer Tasse mit Wasser herumschwammen. Leere Flaschen gab es sogar noch mehr als beim vergangenen Mal.

Seitdem kam Wika immer rechtzeitig nach Hause zurück. Sie fand es mit Pascha inzwischen sogar irgendwie kurzweilig – es hatte sich ja herausgestellt, dass er dazu in der Lage war, sich zu besaufen und zu rauchen. Das wiederum war ja etwas, was man den Freundinnen auf der Arbeit erzählen konnte.

Aber das Wunder bestand gar nicht darin. Das Wunder bestand darin, dass keine von Wikas wachsamen Nachbarinnen ihr gesteckt hat, dass ihr Ehemann zwei Tage hintereinander mit einer Pinzette und zwei Plastiktüten über den Hof schlich – mit der Pinzette sammelte er die Kippen auf. Die andere Tüte war für die leeren Flaschen bestimmt.

Nie in seinem Leben hat Batjuschka Konstantin so herzlich gelacht. Er erzählte diese Geschichte über mehrere Jahre auch selbst allen Leuten, bis er irgendwann durch Zufall erfuhr, dass Wika und Pawel sich doch noch haben scheiden lassen.

(aus dem Lesezyklus "Geschichten aus Gemeinden")



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