31.
Jul
2019

6
min

Werbung für die Orthodoxie für Intellektuelle

Rezension des «Zeitgenössischen Paterikon»; Autor: Hermanarich (gekürzt)

Über Paterika - «Väterbücher» - im Allgemeinen

Das, was man als «Väterbücher» zu bezeichnen pflegt, ist kein so simples Genre, wie es einem anfangs scheinen mag. Schon in den Frühzeiten des Christentums war klar, dass dieses Genre einen gewissen Anteil an Giftigkeit enthält. Die Geschichte mit dem Löwen, denke ich, kennen alle. Hier ein Zitat von A.F. Gafrilow, bei dem ich zuerst von dieser Geschichte erfuhr:

«Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich in meinem Eifer als Neophyt die antiken Paterika (Sprüche und Geschichten über das Leben der antiken Väter der Kirche) gelesen habe, und mit welchem Verdruss ich darin mitunter aus heutiger Sicht eher sakrilegische Witze fand, zum Beispiel die Geschichte mit dem Wüstenvater, der einem Löwen begegnete. Der Mönch, der in der Einöde das Heil seiner Seele suchte, betete zu Gott, dieser Löwe möge sogleich zu einem Christen werden. Und tatsächlich, das Tier ließ sich sogleich auf seine Hinterpfoten nieder, bezeichnete sich mithilfe der Vorderpfote mit dem Kreuzzeichen und begann ein Gebet: «Aller Augen hoffen auf Dich, o Herr». Dieser Spaß aus dem dritten oder vierten Jahrhundert unserer Zeit ist schlau angelegt. Für einen außenstehenden Betrachter ergibt das eine Geschichte über die Wirksamkeit des Gebets: Der Löwe benimmt sich ja tatsächlich plötzlich wie ein Christ – das heißt, nun wird alles gut enden. Für jemanden aber, der innerhalb dieser Kultur angesiedelt ist, wird sofort klar, dass der Löwe die ersten Worte des folgenden Gebets spricht: «Die Augen aller hoffen auf Dich, o Herr, und Du gibst ihnen Speise zur rechten Zeit. Du öffnest Deine Hand und erfüllst jedes Lebewesen mit Wohlgefallen, denn Du bist gütig und menschenliebend». Das ist ein Tischgebet vor der Mahlzeit. Der Löwe wird den Wüstenvater gleich fressen. Aber nicht mehr als Heide, sondern als wahrer Christ. Wozu brauchte es eine solche Doppeldeutigkeit? Ich schätze, es handelte sich dabei um eine Methode, die scheinbare Unvollkommenheit des Seins zu akzeptieren, ohne dessen Komplexität zu mißachten…»

Wovon handelt das Buch?

Dieses Buch ist ein Paterikon. Also eine Sammlung an erbaulichen Geschichten aus dem Leben heiliger Väter, Asketen, Narren in Christo. Nur ist es eben kein echtes Paterikon, sondern ein künstlerisches – die heiligen Väter darin sind ausgedacht (obwohl die Autorin erwähnt, dass die Dichtung hierbei mit der Wahrheit vermischt ist), aber die Situationen, in welche diese ausgedachten Figuren geraten, sind durchaus sehr real. Nur sehr gut verborgen unter einer Schicht aus feiner Ironie und Groteske.

Ein Paterikon als erbauliche Literatur kann und soll auch nicht komplett verständlich sein. Es muss immer etwas geben, das unausgesprochen bleibt, etwas komplexes, doppeldeutiges – sonst wäre es keine erbauliche Literatur, sondern einfach nur eine Ansammlung von Binsenweisheiten, die nicht dazu imstande sind, jemandem angesichts der Komplexität des Lebens etwas beizubringen. Und ich kann gut verstehen, wieso die Komplexität dieses Buches bei einer bestimmten Kategorie Menschen so viel an Befremden und bisweilen sogar Aggression hervorruft – sie verstehen einfach nicht, dass religiöse Literatur auch so sein kann.

Hier zur Illustration eine kurze Geschichte:

Ein Batjuschka war Menschenfresser. Kam ein Mensch zu ihm zur Beichte, kehrte er nicht mehr nach Hause zurück. Kam ein junges Paar zur Trauung, so verschwand es für immer. Brachte man ihm einen Jüngling zur Taufe, da verschwand sowohl der Jüngling als auch dessen Taufpaten. Es war einfach so, dass der Batjuschka sie alle aufgegessen hat. Nur in den Fastenzeiten verlief alles ohne Zwischenfälle; die Menschen beichteten, wurden getauft, empfingen die Krankensalbung, ohne, dass jemand dabei verschwand. Der Dekan wusste natürlich von dieser Besonderheit des Batjuschka, sagte aber immer, dass es niemanden gebe, der ihn ersetzen könnte – wie streng er doch aber dafür das Fasten hält!

Was seht ihr in dieser Geschichte? Ihr seht darin einfach nur einen Scherz? Oder etwas Größeres? Seht ihr darin vielleicht die exakte Spiegelung eines Soziotyps, den es überall gibt, also auch in der Kirche, wo seine menschenfresserische Gesinnung aber eben besonders auffällt?

Oder noch eine andere Geschichte:

Wenn eine Frau sich über ihren Mann beschwerte, oder über ihre Schwiegermutter, oder auch über ihren Nachbarn, gab Vater Mitrofan ihr immer ein und denselben Rat: »Bringe ihn doch einfach um.«
»Wie jetzt – umbringen?«, wunderte sich dann die Frau.
»Na, ersticke ihn doch mit dem Kopfkissen oder mische ihm etwas Rattengift in den Tee.« Manchmal fügte er noch hinzu: »Man könnte ihn auch in die Abdeckerei schicken und ihn zu Wurst verarbeiten.«
Danach beschwerte sich niemand mehr bei ihm über seinen Nächsten.

Wovon handelt denn diese Geschichte? Macht der Batjuschka einfach nur einen Witz, oder haben wir hier einen Anlass darüber nachzudenken, welchen Raum das Gebot der Demut in unserem Leben hat, und ob nicht die Vorschläge des Batjuschka gerade einen gewaltigen Spott über den Verzicht auf die Demut darstellen?

Von der Wirkung des Buchs

Dieses Buch ist ganz und gar nicht einfach – es handelt sich hier natürlich nicht um irgendeine Sammlung «lustiger Geschichten», sondern ganz offensichtlich um die Frucht langjähriger Überlegungen, philosophischer und religiöser Erfahrung der Autorin. Leute, die in diesem Buch entweder einfach nur Humor sehen (so einen positiven Humor, voller Mitleid – oder auch giftigen, sarkastischen Humor) oder nichts als langweilige Fabeln, haben ganz schlicht und ergreifend nichts verstanden. Und ich wüsste gar nicht, wie ich solchen Leuten erklären soll, worum es in diesem Buch geht.

Ob dieses Buch harmlos ist? Das kann ich gleich sagen – nein, es ist nicht harmlos. Der wichtigste der Gründe, warum es nicht harmlos ist, besteht darin, dass es zu kompliziert ist – die Menge an Verweisen auf die patristische Literatur in diesem Buch ist einfach kolossal, und ein einfacher Neophyt wird davon einfach nichts begreifen. Mehr noch, er wird das Buch für reinen Spott halten. Der Typus der «von Kindesbeinen an» Gläubigen, derer, die nicht durch Geistesanstrengungen zum Glauben gefunden haben, sondern die «einfach glauben, weil sie glauben» (ähnlich wie d'Artagnan kämpfte, weil er eben kämpfte), wird durch die Lektüre dieses Buchs ganz sicher wütend werden. Und ich kann solche verstehen – Kinder, Hunde und Schizophrene verstehen Witze überhaupt nicht – und der Witz ist ja die simpelste, oberflächlichste Schicht dieses tiefgründigen Werks. Und es ist ganz sicher nicht angeraten, diese Quelle mit einem «kindlichen» Instrumentarium anzugehen.

Ich gebe es ehrlich zu – die literarische Arbeit der Autorin hat mir sehr gefallen. Ihr gelang wirklich ein erstklassiges Werk – es ist solide, klug, witzig, es veranlasst einen zum Nachdenken. Vor der Professionalität der Autorin kann man nur den Hut ziehen.

Maja Kutscherskaja

Die Autorin hat hier eine hervorragende Werbekampagne zur Gewinnung von Intellektuellen für die Orthodoxie abgeliefert. Dieses Buch ist natürlich nicht für alle geeignet, sondern in allererster Linie für Menschen, die einen entsprechenden literarischen Background haben, die dazu in der Lage sind, die Botschaft der Autorin herauszulesen. Die Autorin scheut keine Mühen, eine komplexe Kirche darzustellen, eine Kirche, in der es noch die geistliche Suche gibt und nicht bloß einen Algorithmus, wie und wo man Kerzen entzündet. Eine Kirche, die auch für intelligente Leute interessant ist, die man nicht auf einem Hochglanzplakat erblickt, sondern die echt, und auch unvollkommen ist. Indem sie über das Groteske die Unvollkommenheit der Kirche darstellt, scheint die Autorin mit offenen Karten spielen und den Diskurs fürs lesende Publikum interessant zu machen zu wollen.

Epilog

Es handelt sich hier um ein unglaublich gewaltiges und tiefgründiges Buch, das von einer klugen und ganz und gar nicht gleichgültigen Autorin geschrieben worden ist, und das man auf keinen Fall einfach brachial «durchlesen» sollte. Ja, das Buch ist nicht dick, die Versuchung, es an einem Abend zu lesen, ist sehr groß, zumal es in leichter Sprache geschrieben ist – aber macht das bitte nicht. Nach jeder Geschichte sollte man kurz innehalten, nachdenken, versuchen zu verstehen, was die Autorin hier mitteilen wollte. Und sich nicht zufriedengeben mit der Antwort: «Ach naja, das ist eben wieder so ein Scherz, machen wir weiter». Mich als Atheisten hat die orthodoxe Einstellung der Autorin in keiner Weise gestört – ich habe in dem Werk viel eher ein kunstfertiges, intelligentes Spiel wahrgenommen als religiöse Propaganda. Obwohl dieses Buch natürlich sehr gut darin ist, den Hauptgedanken, den es trägt, nachhaltig zu vermitteln. Und diesen Hauptgedanken kann man in etwa folgendermaßen zusammenfassen: «Die Orthodoxie ist riesengroß, auch für dich findet sich darin ein Platz, ganz wie auch ich einen gefunden habe».

Rezensent: Hermanarich (Quelle)



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