03.
Mai
2019

9
min

Ohne Kranz

»Ohne Kranz« ist eine Erzählung von Alexandros Papadiamantis, dessen "Griechische Erzählungen" bei Edition Hagia Sophia erscheinen.

War nicht etwa auch sie in ihrem Haus und ihrem Hof die Hausherrin? War nicht etwa auch sie vor einer Zeit jung gewesen, gut er­zogen? Lesen und Schreiben hatte sie in der Schule gelernt. Ihr Diplom hatte sie von der Arsákeios-Universität erhalten.

Sie ging allen ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen nach, führte ihre häuslichen Arbeiten besser als jede andere aus. Sie hatte eine große Sauberkeit in ihrem Haus und auf ihren Stufen, bereit reinzumachen und zu scheuern, ohne dass es ihr jemals lästig fiel und ohne jene Wunderlichkeit zu zeigen, welchen allen Frauen gemein ist, die die Sauber­keit bis zur Übertreibung lieben. Und wenn die große Oster­woche begann, verdoppelte sie so sehr das Reinemachen und Waschen, dass sie ihren Fußboden zum Strahlen brachte, und die Wand dazu schien neidisch auf den Fuß­boden zu sein. Gründonnerstag kam herbei und sie entzün­dete ihr Feuer, stellte ihren Kochtopf auf, und färbte die Ostereier knallrot. Danach bereitete sie ihre Teigschüssel vor, kniete, schlug dreimal das Kreuz über dem Mehl, und knetete deutlich und geschickt die Kringel und presste darauf kreuz­förmig die roten Eier ein.

Wenn es Nacht wurde, wagte sie es nicht hinzugehen und sich unter die anderen Frauen zu mischen, um die Zwölf Evangelien zu hören. Sie wollte, dass es einen Weg geben würde, sich hinter dem Rücken irgendeiner Hochgewachse­nen und Dicken zu verstecken oder sich in der letzten Reihe des ganzen Frauenschwarmes an die Wand geklebt zu ver­bergen. Sie fürchtete sich jedoch davor, dass sie sich etwa umdrehen und sie anblicken würden.

Am Karfreitag war sie den ganzen Tag über in Gedanken versunken, weinte innerlich, klagte über ihre Jugendzeit und die Herzallerliebsten, die sie verloren hatte. Im Wachen träumte sie, und nahm auch sie sich vor, am Abend, bevor die Gebetsabfolge begann, heimlich das Epitaph zu vereh­ren, und sich davonzumachen, wie jene Blutflüssige, die ihre Heilung von Christus gestohlen hatte. Doch im letzten Mo­ment, als es schon anfing dunkel zu werden, fehlte ihr der Mut, und sie konnte sich nicht entscheiden hinzugehen. Es überkam sie Herzrasen.

Spät in der Nacht, wenn die heilige Prozession mit Kreuzen, Fahnen und Kerzen, unter Psalmengesängen, Liedern und den abwechselnden Stimmen der Musik der Waisen Chatzikósta, und Lärm, und vielen Menschen im Halblicht aus der Kirche kam, dann rannte der Giambís, der Vorsteher, voraus, um zu seinem Haus zu gelangen, seine seidene, gestickte Mütze auf­zusetzen und seine Bernsteinkette haltend auf den Balkon zu treten, mit der Jahr für Jahr vergeblichen Hoffnung, dass die Priester sich entscheiden würden Halt zu machen und unter seinem Balkon ein Bittgebet hervorzubringen. Dann hielt auch diese Arme, die Christina, die Lehrerin (wie man sie eine Zeit­lang in der Nachbarschaft rief) am kleinen Fenster ihres Hau­ses, halbversteckt hinter dem Fensterladen, ihre kleine Hochkerze, mit einem Licht so groß wie ihre Handfläche. Sie warf reichlich duftenden Weihrauch in das irdene Räucherfass, womit sie von Weitem die Spezerei demjenigen darbrachte, der einst das Salböl und die Tränen der Sünderin angenommen hatte, und wagte es nicht näher zu kommen, um Seine makel­losen, nageldurchbohrten und bluttriefenden Füße zu küssen.

Und am Sonntagmorgen, spät nach Mitternacht, stand sie wieder halbversteckt am Fenster, in der Hand ihre unnütze von der Liturgie ferngebliebene Hochkerze, und hörte die Freuderufe und das Knallen, und sah und beneidete von wei­tem jene, die schnell, schnell von der Kirche zurückkehrten. Sie trugen überglücklich ihre an der Liturgie teilgenommen Hochkerzen brennend bis zum Haus, und würden das Heilige Licht der Auferstehung das ganze Jahr über bewahren. Und sie weinte und beklagte ihre ruinierte Jugend.

Nur am Nachmittag des Ostermontags, wenn die Glocken der Kirchen für das Liebesfest, die sogenannte Zweite Auf­erstehung läuteten, nur dann wagte sie es ihr Haus zu ver­lassen, lautlos und leicht auftretend, von Mauer zu Mauer laufend, immer dicht an der Mauer entlang, in einer Gestalt und auf einer solchen Weise, als ob sie aus irgendeinem Grund in den Hof einer Nachbarin eindringen wollte. Von Mauer zu Mauer erreichte sie die nördliche Seite der Kirche und durch die kleine Seitentür trat sie heimlich und unbe­merkt hinein.

Wie bekannt, ist in Athen die erste Auferstehung für die Herrinnen, die zweite für die Mägde. Die Christina, die Leh­rerin, hatte Angst, in der Nacht in die Kirche zu gehen, falls sie sie anblicken würden, hatte jedoch keine Angst am Tag gesehen zu werden. Denn die Herrinnen blickten sie an, wäh­rend die Mägde sie einfach nur sahen. Darin fand sie einen großen Unterschied. Sie wollte oder konnte nicht in Kontakt mit den Herrinnen kommen und erniedrigte sich in die Klasse der Mägde. Dies war ihr Schicksal.

Das Schauspiel war wundervoll und sehr lebendig, malerisch und bunt. Die Kronleuchter standen im vollen Licht, die Heili­gen Ikonen glänzten, die Sänger trugen die Ostergesänge vor, die Pfarrer standen mit dem Evangelium und der Auferste­hung auf den Schultern, und zelebrierten die Verehrung.

Die Mägde mit ihren Schleifen und ihren weißen Schürzen verteilten Blicke nach rechts und links, schwatzten miteinan­der, ohne auf die ehrwürdige Gebetsfolge aufzupassen. Die Ammen führten drei- und fünfjährige Jungen und Mädchen an der Hand, welche ihre gefärbten Hochkerzen hielten und die Goldfolien abbrannten, mit denen sie verziert waren. Sie spielten und stritten miteinander und trachteten danach dem vor ihnen stehendem Kind von hinten die Haare anzu­brennen. Die Schuhputzer warfen Knallkörper in viele unbe­kannte Ecken innerhalb der Kirche, und erschreckten die Mägde. Der einzige Wachmann jagte ihnen hinterher, doch flohen sie durch die eine Seitentür und kamen sogleich durch die andere zurück. Die Vorsteher trugen den Diskus umher und besprengten mit Blütenwasser die Ammen.

Zwei oder drei jüngere Frauen aus der niedrigeren Klasse des Volkes, sieben oder acht Ammen hielten fünf- und sie­benmonatige Babys in ihren Armen. Die Kleinen öffneten verwundert ihre süßen Augen, mit denen sie unersättlich das Licht der Hochkerzen, der Kronleuchter und der Kandelaber betrachteten, die Kreise und die Wolken des aufsteigenden Rauches der Weihgefäße, das rote und grüne Licht, das durch die Fensterscheiben der Kirche eintrat, die wehende Soutane des kirchenvorstehenden Mönches, der für ver­schiedene Gefälligkeiten rein- und raus lief, die Bärte der Priester, die sich bei jeder Neigung des Kopfes, jeder Bewe­gung der Lippen, um allen das „Christus ist auferstanden“ zu wiederholen, erschütterten. Sie betrachteten und bewunder­ten alles, was sie sahen: die glänzenden Knöpfe und den ge­zwirbelten Schnurrbart des Wachmannes, die weißen Schleier der Frauen und die Reihen der anderen Kinder, die nah und weit aufgestellt waren; während sie mit den Locken derer spielten, die sie hielten und unartikulierte, engelhafte Laute lispelten.

Zwei achtmonatige Babys in den Armen zweier junger Frauen, welche mit der Schulter in der Nähe einer Säule stan­den, machten sich sogleich, als das eine das andere gewahr wurde, bekannt und nahmen Beziehungen auf, wobei das eine, anmutig, vortrefflich und heiter, dem anderen die kleine, zarte Hand reichte, es zu sich zog und unverständli­che, himmlische Laute abgab.

Doch war die Stimme des Babys lauttönend und rings­herum deutlich zu vernehmen. Der Giambís, der Vorsteher, liebte es nicht, Geräusche zu hören. Während allen nächtli­chen Gebetsfolgen der Leiden war er oftmals die dichten Reihen der Frauen abgegangen, um eine arme Mutter des Volkes zurechtzuweisen, weil ihr Kind geplärrt hatte. Der­selbe lief auch jetzt, um sowohl diese arme Mutter für das arglose Lallen ihres Babys zu tadeln.

Daraufhin dachte die Christina, die Lehrerin, die etwas wei­ter weg, hinter der letzten Säule, dicht an der Wand stand, unfreiwillig - und dies nicht als Lehrerin, sondern als unge­bildete und unvernünftige Frau, die sie war -, dass jemand, ihrer Meinung nach, selbst wenn er der Vorsteher der Kirche ist, kein Recht hat, eine arme, junge Mutter für das Plärren ihres Säuglings zu tadeln, so wie er auch kein Recht hat sie aus der Kirche auszuschließen, weil sie ein Baby hat. Gibt man nicht täglich die heilige Kommunion an weinende Klein­kinder weiter? Und muss man sie von der heiligen Kommu­nion ausschließen, weil sie weinen? Wie lange wird diese ganze Strenge der „Zuständigen“ sich nur zu Lasten der Armen und Niedrigen rächen und ihre Wut auslassen?

Von diesem kleinen Zwischenfall nahm die Christina Anlass, sich zu erinnern, dass eines Nachts, vor Jahren, während der Kreuzerhebung, als sie in die Kapelle des Heiligen Elissaios, am Eingang des Marktes gegangen war, und während der Vorleser den Apostel¹ vortrug, als er die Worte „was die Welt töricht nennt, das hat Gott auserwählt“², plötzlich, einem wunder­baren Zufall zufolge, ein Baby vom Frauengestühl her lauthals im Wettbewerb mit der Stimme des Vorlesers zu lallen be­gann. Und was für eine Lieblichkeit jenes kindliche Gezwit­scher auch hatte! So wunderbar muss auch das Hosianna gewesen sein, was die Kinder der Juden dem herbeikommen­den Erlöser zuriefen³. „Aus dem Mund von Unmündigen und Säuglingen hast du dir ein Lob bereitet wegen deiner Feinde, um zu vernichten Feind und Rächer“.

Solches überlegte die Christina und dachte, dass keine Mutter so verworfen wäre, um sich nicht darüber zu betrü­ben, und sich nicht beeilen würde ihr Baby zu beruhigen, und nicht darum bitten würde, dass sich durch ein Wunder neben ihr eine Türe in der Wand öffnen würde, damit sie schnellstens heraustreten könnte. Die Belehrungen des Vor­stehers waren überflüssig und verursachten nur zusätzlichen Lärm, da ja gegenüber einem Säugling alle gewöhnlichen Maßnahmen disziplinierten Verhaltens umsonst sind, weil die Mutter alleinige Inhaberin anderer Maßnahmen zur Disziplin ist. Überflüssig ist es, dass jemand kommt, um sie an den Ge­brauch dieser zu erinnern. Und dann sagt man, die Männer hätten mehr Verstand als die Frauen!

Diese Ansicht vertrat die Christina. Doch was sollte sie sagen! Ihre Meinung war nicht gefragt. Sie war die Christina, die Lehrerin, wie man sie einst nannte. Ihre Kinder hatte sie begraben, ohne dass sie sie geboren hätte. Und der Mann, den sie hatte, war nicht ihr Ehemann.

Sie waren ein Paar ohne Kranz.

Griechenland 1913

Ohne Kranz! Wie viele solcher Beispiele...!

Doch wollen wir heute keine Soziologie treiben. Mangels aber anderer Fürsorge, christlicher und ethischer, um wenig­stens gegenüber sich selbst konsequent und logisch zu sein, sind sie verpflichtet, für die Zivilehe zu stimmen.

Von der Zeit an, wo sie die Empfehlungen der Parteiführer nötig hatte, um als Lehrerin angestellt zu werden, hatte einer dieser Parteiführer, der Panagís, der Delikanátas, der Taver­nenbetreiber sie ausgenutzt. Sobald er das Ministerium ge­wechselt hatte und sie anzustellen keine Gültigkeit mehr besaß, sagte er ihr: „Komm, lass uns zusammenleben, und später werde ich dich heiraten“. Wann? Nach einigen Mona­ten, nach sechs Monaten, nach einem Jahr.

Seitdem waren Jahre und Jahre vergangen. Seine Haare waren noch schwarz und sie war grau geworden. Und nie hatte er sie geheiratet.

Sie gebar keine Kinder. Jener hatte auch andere Liebha­berinnen. Mit ihnen hatte er Kinder.

Als diese Schwergeprüfte es erfuhr, schimpfte sie ihn aus, beschwerte sich, ertrug es, blieb standhaft und nahm die un­ehelichen Kinder ihres unverheirateten Mannes ins Haus, wärmte sie in ihren Armen, entwickelte mütterliche Für­sorge, fühlte mit ihnen mit. Sie stellte sie wieder auf die Beine und bemühte sich, sie aufzuziehen. Und wenn sie zwei oder drei Jahre alt geworden waren und sie sie schon als ihre eigenen Kinder ansah, dann kam der Tod, begleitet vom Scharlach, den Pocken, und anderen unförmigen Genossen... und riss sie aus ihren Armen.

Auf diese Weise waren ihr drei oder vier Kinder innerhalb von sieben oder acht Jahren gestorben.

Und sie wurde verbittert. Sie wurde alt und grau. Sie be­klagte die unehelichen Kinder ihres Mannes, als ob sie ihre eigenen wären, während jene Armen, jene Seligen die Blu­men des Paradieses umschwirrten, begleitet von den dort ansässigen Engelchen.

Jener sprach schon nicht einmal mehr von Vermählung. Und jene sagte schon nichts mehr. Sie litt in Stille.

Das ganze Jahr über wusch und räumte sie auf. Am Gründonnerstag färbte sie die Eier rot. Und an den Feiertagen hatte sie nicht den Mut, um zusammen mit allen anderen in die Kirche zu gehen.

Nur am Osternachmittag, während der Gebetsfolge der Liebe, schlich sie heimlich und vorsichtig in die Kirche, um zusammen mit den Mägden und Ammen „Tag der Auferstehung“ zu hören.

Doch jener, welcher „wegen des Elends der Armen und des Seufzens der Bedürftigen“ auferstand, der das Salböl und die Tränen der Sünderin, das „Gedenke meiner“ des Räubers, annahm, wird auch die Reue dieser Armen anneh­men und ihr einen grünen Ort und Platz, Erquickung und Erholung in Seinem ewigen Königreich gewähren.


¹ Täglich in der Liturgie vorgelesener Auszug aus den Schriften der Apos­tel des Neuen Testamentes.

² 1 Kor. 1,27

³ Math. 21,9-10- Mark. 11,9-10’ Joh. 12,13

Ps. 8,3

Lobeshymne am Ostersonntag

Ps. 11(12),6

Luk. 7,37

Luk. 23,42


Alexandros Papadiamantis - Griechische Erzählungen

Die »Griechischen Erzählungen« von Alexandros Papadiamantis gibt es bei Edition Hagia Sophia!



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